Paul_12 - Vom Umgang mit persönlichen Daten

Bestürzt hat die Schweiz vor einigen Tagen den Fall Paul mitverfolgt: Ein 12-Jähriger  aus Solothurn verschwand spurlos und wurde erst nach einer Woche in der Wohnung eines 35-Jährigen in Düsseldorf wiedergefunden. Die beiden lernten sich beim Online-Game Minecraft kennen. Der Tatverdacht wiegt schwer: Entführung und sexueller Missbrauch stehen im Raum. Auch wenn die Hintergründe dieser Tat noch ungeklärt sind, der Fall wirft in vielen Familien Fragen auf. Wie können Kinder vor solch einem Unglück bewahrt werden? Warum passieren trotz aller Empfehlungen im Umgang mit dem Internet immer wieder solche tragischen Ereignisse? Welche Prävention hilft wirklich? Sind Erwachsene wirklich kompetent im Umgang mit ihren persönlichen Daten? Und was können wir daraus  lernen? 

Davon handelt dieser Blog-Artikel. 


Vom Umgang Erwachsener mit persönlichen Daten...

Im Nachhinein ist klar: Ganz viele Sicherungsmechanismen haben beim Fall Paul versagt.

Als Aussenstehende(r) reibt man sich ungläubig die Augen, wenn Details bekannt werden. Der Knabe habe Alter, Wohnort und weitere persönliche Daten im Netz von sich preisgegeben und sei so zu einem leichten Ziel für jemanden mit bösen Absichten geworden. Doch wie schnell sich auch Erwachsene geheime Daten mit einem simplen Trick entlocken lassen, zeigt eine aktuelle Studie: Rund 1200 Passanten wurden unter einem Vorwand nach ihrem Passwort befragt. Erhielten sie unmittelbar vor der Befragung eine Tafel Schokolade, gaben knapp die Hälfte (!) ihr persönliches Passwort bekannt. Wenn schon Erwachsene auf so banale Tricks reinfallen, wie sollen Kinder und Jugendliche davor gefeit sein?


Empfehlungen - und die Realität

Chatten ist eine sehr beliebte Online-Aktivität, die auch Kinder gerne nutzen, wie die KIM-Studie 2014 eindrücklich aufzeigt. Es macht Spass, miteinander zu «plaudern». Dabei nutzen Kinder das Tool, das bei ihren Gschpänlis am meisten verbreitet ist, um mit ihnen in Kontakt sein zu können. Viele Online-Games verfügen ebenfalls über eine Chatfunktion. Auch das äusserst beliebte Online-Konstruktions-Game Minecraft.

Das gemeinsame Spielen bringt auf diese Weise auch Unbekannte einander näher - so nah, dass es nicht selten vorkommt, dass die Kinder alle Warnungen in den Wind schlagen und sich dazu hinreissen lassen, persönliche Informationen an Unbekannte weiterzugeben. Die Kinder haben schlicht nicht mehr das Gefühl, dass der Unbekannte fremd ist, weil sie vielleicht bereits seit Monaten fast täglich via Game miteinander in Kontakt sind.

Die wichtigste Prävention bleibt deshalb, als Eltern interessiert zu sein an dem, womit sich die eigenen Kinder beschäftigen.

 Zu wissen, wie so ein Spiel funktioniert oder worüber so gechattet wird, kann Hinweise darauf geben, wo allenfalls gewisse Vorsichtsmassnahmen oder Regeln angebracht sind. Diese gilt es dann anzusprechen, zu begründen und einzufordern. Das kann zuweilen ganz schön anstrengend sein und bleibt trotzdem die Aufgabe der Eltern. Mag sein, dass es einfacher wäre, sich gutgläubig über das ruhige Kind mit PC im Kinderzimmer zu freuen oder gleich das Chatten/den Computer/das Internet zu verbieten. Aber davon wird niemand medienkompetent.

NZZ, 3.7.16 - für Grossansicht auf den Artikel klicken
NZZ, 3.7.16 - für Grossansicht auf den Artikel klicken

Allgemeine Verhaltenstipps beim Chatten

  • Benutze im Chat immer einen Fantasienamen und mache keine echten Angaben zur eigenen Person 
  • Gib ohne Absprache mit den Eltern keine persönlichen Daten von dir preis
  • Tausche keine persönlichen Fotos/Videos
  • Triff dich - falls überhaupt - nur in Begleitung eines Erwachsenen an einem öffentlichen Ort mit einem unbekannten Chatpartner
  • Gib die Webcam nur für Personen frei, die du schon einmal getroffen hast.
  • Bleib immer misstrauisch und glaube nicht alles, was erzählt/geschrieben wird
  • Bei einem unguten Gefühl oder einer Belästigung, brich den Chat sofort ab und sprich mit einer erwachsenen Vertrauensperson

Es gibt trotzdem keine Garantie, dass es nicht passiert...

 

 

 

 

 

 

 

Leider passieren auch trotz Thematisierung immer wieder solch tragische Unglücke wie im Fall von Paul. Meist liegt es nicht daran, dass die Tipps nicht bekannt gewesen wären. Weit häufiger werden die Kinder in der Pubertät anfälliger, gefährliche Grenzen zu überschreiten und wollen ihren eigenen Weg gehen - ohne immer gleich alles Mami und Papi zu erzählen. Gleichzeitig sind auch die Eltern im Dilemma. Schritt für Schritt wollen sie ihrem Kind Freiheiten ermöglichen und es Verantwortung für sich selber übernehmen lassen.  Auf diese Weise gelingt es einem Kind, selbst vor den aufmerksamsten Eltern etwas zu verheimlichen, mit dem es dann plötzlich doch total überfordert ist. Für solche Fälle kann es sehr hilfreich sein, wenn die Kinder weitere Möglichkeiten oder Vertrauenspersonen kennen, wo sie jederzeit Hilfe erhalten. Zum Beispiel die Beratung der Pro Juventute, die rund um die Uhr unter 147.ch zu erreichen ist.



Kann man aus dem Fall Paul lernen?

Neben aller Tragik, die solch ein Verbrechen immer mit sich bringt - ganz sicher wurden dank Paul in vielen Familien und an manchen Schulen das richtige Verhalten im Netz mit den Kindern thematisiert. Hoffentlich nicht zum ersten Mal. Und vielleicht haben sich auch einige interessierte Eltern/Lehrpersonen das Spiel Minecraft von den Kindern erklären lassen und dabei erkennen können, dass es nicht das Spiel ist, von dem eine direkte Gefahr ausgeht.


Chatten - ein Thema für die Oberstufe?

Ereignisse wie der Fall Paul werden von unseren Jugendlichen sehr wohl wahrge-nommen. Sie sind gut vernetzt und dank Social Media auch schnell informiert.

Es lohnt sich deshalb, das Thema genau nach solchen medial präsenten Fällen anzusprechen und die Strategien, mit denen die Jugendlichen digital unterwegs sind, zu erfragen, zu diskutieren und gemeinsam abzuwägen, wo welchen Risiken wie begegnet werden kann und welche Möglichkeiten es gibt, Hilfe zu holen, wenn man sie braucht.

Dieser Austausch unter-einander kann auch dabei helfen, Hilfsangebote und Schutzmassnahmen bei den Jugendlichen bekannt-zumachen, deren Umfeld nicht optimal ist.



FAZIT

Doch wie das eingangs erwähnte Beispiel mit der Schokolade zeigt: Auch Erwachsene sind nicht zwingend kompetent unterwegs. Ob Eltern oder Lehrpersonen - die Auseinandersetzung mit der Welt, in der sich unsere Kinder bewegen - on- und offline - bleibt eine wichtige Voraussetzung, um neben den digitalen Herausforderungen auch die Chancen zu erkennen und zu nutzen.

 

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Persönlichkeitsschutz - Merkblatt für Eltern
Pro Juventute - Medienprofis
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Elternmerkblatt - Sichere Internet- und Handynutzung in der Familie
saferinternet.at
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Weiterlesen: Der Kinderschutzexperte Laurand Sédano über die Gefährlichkeit von Online-Games in der Aargauer Zeitung


Unterrichtshilfen zum Thema Chatten - ab Mittelstufe

Für einmal findet ihr Unterrichtshilfen bereits ab der Mittelstufe. Denn die Kinder sind nicht erst auf der Oberstufe in Chats unterwegs. Für die Präventionsarbeit ist es entscheidend, dass das Thema immer wieder zur Sprache kommt, damit Kinder wissen, warum sie welche Daten schützen müssen und im Ernstfall auch Hilfe holen können - auch wenn sie vielleicht grad Knatsch mit den Eltern haben...

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Internauten greifen ein
internauten.de
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Kommentare: 1
  • #1

    Matthias (Donnerstag, 07 Juli 2016 16:12)

    Danke Claudia für den tollen Artikel mit den umfassenden praktischen Materialien für die 1:1 Umsetzung im Unterricht oder der Elternarbeit!